Newsletter-Rückblick: September - Monat der Chancen

Veröffentlicht am 29. 8. 2018 von Dr. Vanessa Giese

Menschen, die aus dem Urlaub heimkehren, sind weniger glücklich. Post Vacation Blues nennt sich das. Die gute Nachricht: Es verwächst sich. Noch eine gute Nachricht: Gerade die aktuelle Zeit nach den großen Sommerurlauben ist ideal, um Neues zu wagen. Warum? Ich verrate es Ihnen. 

Während des Urlaubs sinkt das Niveau an Stresshormonen im Blut: Adreanalin, Noradrenalin und Corticoide nehmen ab. Blutdruck und Herzfrequenz sinken. Wir sind ausgeglichener. Das passiert auch, wenn wir einen aktiven und ereignisreichen Urlaub hatten. Denn Stress kann auch positiv sein.

Eustress und Dystress: Der positive und negative Stress

Der Mediziner und Hormonforscher Hans Selye entwickelte in den 1930er Jahren die Grundlagen der Stressforschung. Er unterscheidet zwischen positivem Stress, dem Eustress, den wir beispielsweise bei schönen Aktivitäten in unserer Freizeit empfinden, und negativem Stress, dem Dystress.

Erlebt ein Mensch Dystress, geschieht zunächst auch etwas Gutes: Seine Widerstandskraft erhöht sich. In der sogenannten Resistenzphase greifen endrokrinologische Abwehrmechanismen: Wir aktivieren unsere Kräfte. Das ist bei körperlichen Stressoren wie Hitze oder Hunger der Fall, aber auch bei psychischen Einflüssen wie Leistungsdruck: Stresshormone werden ausgeschüttet, wir sind aktiv und im Kampfmodus. Dieses Anpassung nennt sich "Adaptionssyndrom" oder "Selye-Syndrom".

Verschwinden die Stressoren nicht oder können wir uns keine Erholungsphase schaffen, in der die Stresshormone wieder sinken - zum Beispiel durch Urlaub-, kommt es allerdings langfristig zu einem Leistungsabfall: Erschöpfung, Krankheit und psychosomatische Störungen.

Unser Denken beeinflusst unsere Stresswahrnehmung

Hans Selye hat sich mit der Art und Dauer der Stressoren beschäftigt, die uns einwirken. Doch auch wir selbst spielen eine Rolle. Damit hat sich der Psychologe Richard Lazarus beschäftigt. Er hat sich die Wechselwirkung von Mensch und Umwelt angeguckt. Daraus hat er ein transaktionales Stressmodell entwickelt.

Das Modell sagt: Unser Denken beeinflusst unsere Gefühle - und damit unsere Bewertung von Stress. Lazarus nennt diese Wahrnehmung und Bewertung "Appraisal". Sie geschieht in zwei Stufen.

In der ersten Bewertung (primary appraisal) analysieren wir, was ein stressauslösender Faktor für uns bedeutet:

  • Zunächst überprüfen wir, ob ein Stressreiz für uns überhaupt relevant ist. Wir bewerten ihn dann entweder als irrelevant, als positiv oder als negativ.
  • Bewerten wir ihn als negativ, überprüfen wir weiter, ob bereits ein Schaden eingetreten ist oder ob wir unmittelbar mit einem Schaden rechnen müssen. Dritte Möglichkeit: Wir sehen den Reiz als interessante Herausforderung.

Den meisten Urlaubsstress sehen wir positiv: Es ist eine angenehme Herausforderung für uns, neue Länder kennenzulernen, tauchen zu lernen oder Städte zu erkunden.

Den größten Dystress, den wir empfinden, wird ausgelöst durch Ehekrisen, Erkrankung oder, man höre und staune, Heirat und Pensionierung. Das haben die Psychiater Thomas Holmes und Richard Rahe, zwei Forscher der Washington School of Medicine, in den 1960ern untersucht und daraus eine Skala sozialer Ereignisse entwickelt, die Social Readjustment Rating Scale (pdf).

Aber zurück zur Bewertung von Stress. Nachdem wir uns einen ersten Eindruck über den Stressfaktor verschafft haben, analysieren wir in der zweiten Bewertung (secondary appraisal), welche Ressourcen wir zur Verfügung gaben, um ihn zu bewältigen. Die erste und zweite Bewertung (primary und secondary appraisal) beeinflussen sich dabei gegenseitig: Je positiver ich meine Ressourcen bewerte, desto weniger negativ sehe ich das Stressereignis - und desto höher ist die Chance, dass ich einen Stressor als Herausforderung betrachte.

Mein Gedankenanstoß: Post-Urlaubsgespräche

Nach den Sommerurlauben sind die meisten von uns erholt. Wir haben negativen Stress abgebaut und positiven Stress erlebt. Unsere Akkus sind aufgeladen. Wir lassen uns nicht so leicht aus der Ruhe bringen und bewerten besonnen. Das ist eine gute Voraussetzung, um Neues anzugehen und Altes mit anderem Blick zu betrachten.

Gespräche sind Beziehung

Die Nachurlaubszeit bietet sich sehr gut an, um Beziehungen zu pflegen. Die lapidare Frage nach dem Urlaub, nach Erlebnissen und nach Ratschlägen für unsere eigenen Reiseplanungen ist mehr als nur Small Talk. Sie stärkt die Beziehung und Zusammenarbeit, auch für schwierige Phasen, die bis zum Ende des Jahres sicherlich noch kommen werden.

Unangenehmes mit neuer Kraft angehen

Wir können die Stimmung nach dem Urlaub nutzen, um einfach mal zu sagen: "Bevor wir jetzt wieder in den Alltag starten ... - und dann ist das Themenfeld offen. Die Möglichkeit, etwas anzusprechen, das schon länger auf der Seele drückt, ist jetzt gut. Es ist eine optimale Zeit, um Abläufe zu verbessern, Konflikte anzusprechen und gemeinsam Ideen zu generieren, bevor wir wieder dünnhäutiger werden.

Neue Bewertungen schaffen

Wir können unser niedriges Stresslevel nutzen, um unser Denken gemeinsam zu lenken und Stressoren als positive Herausforderungen zu bewerten. Das hilft auch bei Stressoren, die vor dem Urlaub schon da waren, wie etwa Veränderungen im Arbeitsumfeld, und denen wir kritisch gegenüberstehen. Wo waren wir vor dem Urlaub zu negativ? Was haben wir selbst in der Hand und können wir ändern?

Auf die Suche nach Ressourcen gehen

Die Bewertung unserer Ressourcen spielt eine große Rolle dabei, ob wir Stress negativ oder positiv empfinden. Die Zeit nach dem Urlaub ist gut, um noch einmal neu Anlauf zu nehmen und zu schauen: Welche Ressourcen brauchen wir, um die Veränderung als Herausforderung zu betrachten? Wie können wir diese Ressourcen schaffen oder einfordern? Lazarus nennt diese Neubewertung "Reappraisal".

Die Nachurlaubszeit ist eine gute Gelegenheit, Vier-Augen-Gespräche zu suchen - mit Kolleginnen, Kollegen und mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Ich wünsche Ihnen gutes Gelingen!

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