Fortbildung im Design Thinking: Probleme verstehen, Geldbörsen bauen und gemeinsam Lösungen entwickeln

Veröffentlicht am 2. 10. 2018 von Dr. Vanessa Giese

Viel gelernt und Spaß gehabt - sieht man, oder? (Foto: Andrea Schmitt)

Ursprünglich war Design Thinking nur eine Methode, um Produkte und Service zu entwickeln. Inzwischen ist eine Haltung daraus geworden: Arbeiten nah am Kunden, in gemischten Teams,  experimentell, lebendig und schnell. Ich habe mich nochmal intensiv im Design Thinking fortgebildet.

Wenn ich in Unternehmen bin, fällt mir immer wieder eine Sache auf: Oft werden Lösungen umgesetzt, ohne dass klar ist, was genau das Problem ist. Stattdessen gibt es Annahmen über ein Problem. Je weiter oben derjenige in der Hierarchie sitzt, der diese Annahmen tätigt, desto weniger Einwände gibt es gegen die Vermutungen - und desto ungenauer bleibt die Sicht auf das Problem.

Wenn dann die Lösung ebenfalls von einer Person mit Deutungshoheit kommt, gibt es kaum eine Chance auf eine Analyse - aber im Nachhinein meist viele Gelegenheiten zum Nachbessern. Ein Möglichkeit, diesen Kreis zu durchbrechen, ist der Design-Thinking-Ansatz.

Design Thinking: Verstehen, beobachten und gemeinsam Ideen finden

Design Thinking ist eine Methode und eine Haltung. Es ...

  • basiert auf interdisziplinären Teams, die sich mit der Problemanalyse und der Lösungsfindung beschäftigen,
  • hinterfragt Bedürfnisse und Motivation von Menschen an der Basis, um die Herausforderung genau zu verstehen und eine detaillierte Sichtweise zu bekommen,
  • kalkuliert Irrtum ein und begreift ihn als gemeinsames Lernen und
  • bietet die Möglichkeit, eine neue Arbeits- und Innovationskultur in Unternehmen zu etablieren. 

Seminarleiterin der Fortbildung war die Innovationstrainerin Andrea Schmitt. Andrea hat mich bereits in meinem Gründungsprozess begleitet. Ich kann sie als Mutmacherin und Ideengeberin empfehlen. Sie hat selbst am Hasso Plattner Institut gelernt, der Mutterschule des Design Thinking

Der Einstieg in 60 Minuten: eine Geldbörse für Stefan

Design Thinking ist stark am Nutzer beziehungsweise am Kunden ausgerichtet. In der Einstiegsübung bekamen wir deshalb die Aufgabe, für unseren Gegenüber ein Geldbörse zu entwickeln - ein Portmonee, das seinen Bedürfnissen entspricht. 

Mein Gegenüber war Ingenieur Stefan. Er trägt seine Geldbörse gerne in einer Tasche am Körper, hat jedoch Angst, dass sie geklaut wird. Außerdem besitzt er eine Menge Rabattkarten und bekommt viele Visitenkarten, die er ins Portmonee steckt und ab und zu aussortiert. Das Portmonee ist sehr dick, was ihn nervt - und dazu führt, dass er es nicht mehr in die Hosentasche stecken kann. 

Ich kam zu dem Schluss: Mein Kunde benötigt eine Geldbörse, die ihn unterstützt, Ordnung zu halten - und die ihm Funktionen sowie ein gutes Gefühl für den Fall eines Diebstahls gibt. 

Heraus kam dieser Prototyp: 

Die Zeichnung von Stefans Portmonee - und der Prototyp, schnell aus Stoff gebastelt

Es ist ein Portmonee mit Scandisplay, das Stefans Rabattkarten elektronisch vorhält und gleichzeitig Visitenkarten einscannen und in der Cloud ablegen kann. Zudem lassen sich EC-, Kreditkarten und Scheine nur über einen Fingerabdrucksensor erreichen. Per GPS kann Stefan tracken, wo das Portmonee sich befindet. Entfernt es sich mehr als eine zu definierende Distanz von seinem Handy, schlägt es selbstständig Alarm. Stefan war zufrieden.

Im Gegenzug entwickelte er eine Geldbörse für mich, die klein ist und in die Hosentasche passt - und die im Gegensatz zu seiner eigenen auch ein Fach für Hartgeld hat. Zudem bietet mein Portmonee die Möglichkeit, die äußere Hülle zu tauschen - passend zu Kleidung und zur Handtasche.

Wir kreierten also Produkte, die für den jeweils Anderen das Nonplusultra waren, die wir selbst aber wahrscheinlich nie gekauft hätten.

Kern des Design Thinking: Verstehen, was der Nutzer braucht

Das ist der Kern des Design Thinking: die eigenen Vorstellungen über Bord werfen und genau darauf schauen, was der Nutzer braucht. Von den sechs Phasen des Design-Thinking-Prozesses bestehen drei nur daraus, das Problem des Nutzers zu verstehen, ihm zuzuhören, ihn zu beobachten und eine Sichtweise auf die Herausforderung zu entwickeln. Erst dann kommt die Lösungsfindung. 

Die Design-Thinking-Phasen: Verstehen, Beobachten, Sichtweisen definieren, Ideen finden, Prototypen entwickeln, Testen

Ideen finden: Interdisziplinäre Teams bringen bessere Lösungen

In den darauf folgenden zwei Tagen durchliefen wir den Design-Thinking-Prozess detaillierter. Wir bekamen Mittel an die Hand, eine Fragestellung genauer zu analysieren:

"Wie können wir die digitale Kompetenz Einzelner verbessern?" 

Wir fuhren nach Limburg und führten Interviews mit Passanten. Wir clusterten die Interviews, definierten einen Fokus und entwickelten anhand einer konkreten Problemstellung aus einem unserer Gespräch eine neue, detailliertere Fragestellung:

"Wie ermöglichen wir es einem Online-Spielesüchtigen, das Internet zu nutzen, ohne wieder in die Abhängigkeit zu rutschen?"

Danach ging es in die Phase der Ideenfindung. Das Team, in dem ich mich befand, bestand aus drei Ingenieuren und mir als einziger Frau und Geisteswissenschaftlerin. Normalerweise würde man solch ein Team noch diverser besetzen. Unsere Gruppe zeigte allerdings bereits, dass Gegensätze gute Ideen zustande bringen: Gemeinsam brachten wir uns auf technische und nicht-technische Lösungen, wobei sowohl die Ingenieure als auch ich jeweils beides taten, jedoch in unterschiedlichen Phasen der Ideenentwicklung.

Die Wand mit den Ideen

Andrea gab unserem Brainstorming zudem Restriktionen: Einmal sollten wir eine rein analoge Lösug entwickeln, ein anderes Mal eine Lösung, die aus Holz oder die grün war. Was zunächst absurd klingt, ergibt durchaus Sinn: Es lenkt das Denken noch einmal in eine neue Richtung. 

Der Prototyp: testen, verbessern oder wieder verwerfen

Am Ende hatten wir sowohl technische als auch nicht-technische Lösungen auf dem Zettel. Wir entschieden uns, zunächst ein Coaching-Programm zu entwickeln, das unserem Nutzer helfen kann. Wir entwarfen einen Prototypen: zwei Testwochen und ein prototypisches Video, in dem das Programm erklärt wird. 

Im Design Thinking wird ein Prototyp immer schnell am Nutzer getestet, um Feedback einzuholen - und um die Idee entweder zu verbessern oder wieder zu verwerfen. Das spart Zeit, Kosten und sorgt für kurze Entwicklungszyklen. Voraussetzung ist allerdings eine Unternehmenskultur, die Fehler und Scheitern als Lernprozess betrachtet. 

Fazit: Design Thinking ist ein Mindset

Ich empfinde es immer als kleine Auszeit, wenn ich mich weiterbilde. Es bringt mir ein breiteres Wissen und Können. Es hilft mir aber auch, Ideen und Gedanken zu ordnen und über die anderen Teilnehmer neue Denk- und Herangehensweisen kennenzulernen. 

Aus der Fortbildung zum Design Thinking nehme ich mit: Design Thinking ist ein Vorgehensmodell. Gleichzeitig ist es ein Mindset, denn es funktioniert nur mit einer entsprechenden Haltung. Sie setzt auf Zusammenarbeit und interdisziplinäre Teams, auf Offenheit und Kommunikation. Sie akzeptiert Scheitern und begreift es als Teil des Lernprozesses.

Im Kern methodisiert Design Thinking etwas, das selbstverständlich sein sollte: Empathie.

 

Wie ich Design Thinking in meiner Arbeit anwenden werde

In Kundenprojekten bin ich bereits vor der Weiterbildung nach Design-Thinking-Idee vorgegangen: Ich habe Leitfadeninterviews geführt, das Problem ergründet und danach iterativ mit Teams Lösungen entwickelt. Das Wochenende im Kloster Gnadenthal hat diese Methodik noch einmal systematisiert. 

Einfühlungsvermögen für den Kunden, für Anwenderinnen oder für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an der Basis geht im Tagesgeschäft manchmal verloren. Ich sehe Design Thinking - wie auch andere Methoden - als eine von mehreren Werkzeugen in meinem Baukasten. Es wird Projekte geben, in die klassischen sechs Phasen Eins zu Eins passen - in anderen ist es hilfreicher, sie als Teile eines größeren Ganzen zu sehen.  

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